Kirchenmusik
Premiere der „Prinzessin”
Bei einer „Kleinen Matinée” hat die neue Truhenorgel ihr Debüt in der Stadtkirche

Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung vom 23. April 2019, Seite 7

Von Harry Schmidt

Ludwigsburg. Binnen kürzester Zeit sieht sich die jüngste Ludwigsburger Orgelbewegung bereits am Ziel: Wie geplant pünktlich zum Osterfest wurde die neue Truhenorgel, zu deren Anschaffung man sich im vergangenen Oktober entschlossen hatte, ihrer Bestimmung übergeben. Im Rahmen einer „Kleinen Matinée“ war das transportable Instrument am Ostersonntag erstmals öffentlich zu hören, rund 200 Freunde der Orgelmusik füllten die Reihen der Stadtkirche.

Rund drei Monate habe man zu zwei daran gebau, so Orgelbaumeister Friedrich Lieb von der gleichnamigen Bietigheimer Orgelmanufaktur im Gespräch mit unserer Zeitung. Dank findiger Maßnahmen wie Pfeifenpatenschaften, einer Spenden-Verdopplungsaktion mit einer Bank und einem großen Weihnachtsbenefizkonzert (wir berichteten) ist der größte  Teil der Gesamtkosten von 54 050 Euro bereits finanziert. Über 1100 Einzelspenden haben dazu beigetragen, 50 Patenschaften seien eingegangen worden, freute sich Kirchenmusidirektor Siegfried Bauer.

Ein weltweit guter Ruf als Orgelstadt

Auch wenn er nicht von Taufe reden wolle: Wenn auf der Empore mit der großen, Ostern 2017 eingeweihten Klais-Orgel die „Königin“ throne, dann stehe man hier nun vor deren „kleinen Schwester“, mithin vor der „Prinzessin“. Zusammen mit der Walcker-Orgel in der Friedenskirche ergebe sich ein Bild von einem Ludwigsburg, das seinen „weltweit guten Ruf als Orgelstadt gerecht“ werde, der durch die seit 1821 in der Barockstadt angesiedelte Orgelbaufirma von Eberhard Friedrich Walcker begründet wurde.

Mit den ersten beiden Sätzen aus Händels Orgelkonzert Op. 4, Nr. 2 in B-Dur hatte die Truhenorgel ihren ersten öffentlichen Auftritt. Begleitet vom Kammerorchester Concerto Ludwigsburg in kleiner Besetzung (Marcus Raiman: Oboe, Meike Steinmetz und Sebastian Kruck: 1. Violine, Caspar Steinmetz und Julia Schairer: Viola, Anne Benner: Cello, Karsten Lachmann: Kontrabass) war es an Bezirkskantor Fabian Wöhrle, das neue Instrument einzuweihen, während ihm sein Kollege Martin Kaleschke am Cembalo sekundierte. Sorgsam austariert von Bauer, beeindruckte insbesondere die senslble Balance zwischen solistischen Stimmen und Ensembleklang. In den folgenden Variationen über das Lied „Unter der Linden grüne“ des niederländischen Renaissnace-Komponisten Ian Pieterszoon Sweelinck genoss das neue Instrument die komplette, ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer. Konzentriert und dennoch scheinbar mühelos stelle Kaleschke die vier Register des neuen Instruments vor: ein zarter Hauch die Flöte, rund und sonor das Gedeckte, strahlend die Octave. Eine Besonderheit der neuen Orgel stellt das sogenannte Regal dar: Im Gegensatz zu den anderen Registern handelt es sich nicht um Labial-, sondern um Lingual-, also Zungenpfeifen. Die im Bleiguss gefertigten Pfeifen gelten als Spezialität der Orgelmanufaktur Lieb.

Wie sich die Lieb-Orgel als Duopartner macht, erfuhr man mit den „Vier kleinen Duetten”, die Carl Philipp Emanuel Bach vermutlich nach 1767 geschrieben hat: Wöhrle an der Truhenorgel, Kaleschke am Flügel,, delikat interpretiert im galanten Stil. So quirlig wie harmonisch gestaltet das „Duett in Es-Dur“. Ebenso klangschön die dazwischen eingestreuten geistlichen Lieder aus Johann Sebastian Bachs „Schmellis Gesangbuch“ der schlanke, unmanierierte Sopran Caroline Oestreichs begleitet von Kaleschke am Cembalo und Fabian Wöhrle an der Truhenorgel. Was in einem Konzert noch nicht darstellbar ist, gehört zu den größten Vorzügen des neuen Instruments: Die Lieb-Orgel verfügt über eine Transponiereinrichtung, mittels derer auch historische Stimmungen ausführbar werden.

Hinsichtlich der Finanzierung der noch fehlenden 12 000 Euro gab sich Bauer zuversichtlich.