Wie ging es Ihnen, als Sie kurz vor dem Sonntag Kantate (Singet) hörten, dass das Singen ab sofort in unseren Gottesdiensten verboten ist?

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Das kann doch nicht wahr sein! Der gemeinsame Gesang ist doch eines der grundlegenden Elemente unseres evangelischen Gottesdienstes. Durch das gemeinsame Singen wissen wir uns verbunden mit den anderen Gemeindegliedern und werden an unsere eigene Glaubensbiografie erinnert. Wo sonst kommen in unseren wortlastigen Gottesdiensten das gemeinsame Lob und die gemeinsame Klage zum Ausdruck, als im gemeinsamen Gesang?

Singen als Lob Gottes und als Antwort auf sein Handeln ist doch sogar ein Auftrag, den uns schon die Bibel gibt: „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (Psalm 98).

So hat das Singen der Gemeinde die Kirchengeschichte mitgeprägt und bestimmt: Ohne Musik hätte die Reformation Martin Luthers und Johannes Calvins nicht stattgefunden oder wäre zumindest gänzlich anders verlaufen. Seither ist eine evangelische Kirche ohne Kirchenmusik und insbesondere ohne Gemeindegesang nicht denkbar. Darum ist und bleibt die christliche Gemeinde eine singende Gemeinde.

So wie ich waren viele Menschen empört. Zum Beispiel meinte der bekannte christliche Buchautor Peter Hahne gegenüber der BILD-Zeitung: „Gottesdienst ohne Singen ist wie Bundesliga ohne Ball.“ Und er erinnerte in diesem Zusammenhang an die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass gerade gemeinsames Singen das Wohlbefinden und die Psyche stärke und der Seele gut tue. Wörtlich schreibt er: "Wer singt, lebt gesünder. Gemeinsames Singen wirkt wie Medizin! Deshalb hat die Bibel extra ein eigenes Liederbuch für Christen und Juden: die Psalmen! Davon haben die Kirchen wohl noch nichts gehört."

Recht hat er! Seit langen wissen wir: Singen ist ein Lebensmittel, es macht gesund und nicht krank. Es macht sogar glücklich indem es in besonders hohem Maße Glückshormone freisetzt. Das Singen baut Stress ab, vermindert das Burn-out-Risiko und verbindet in einmaliger Weise Verstand und Gefühl. Wenn sich Text und Musik verbinden, erleben wir geistliche Inhalte emotional. Welche schönen Erinnerungen verbinden wir beim gemeinsamen Singen eines altbekannten Weihnachtsliedes. Haben Sie den Unterschied am Heiligen Abend erlebt, ob ein noch so guter Sopran oder Sie selbst mit der ganzen Gemeinde „O du fröhliche“ singen? Nie habe ich „Stille Nacht“ so wörtlich erfahren wie an Weihnachten 2020.

Nun kann man die strengen Entscheidungen der Kirchenleitungen leicht kritisieren. War es der „vorauseilende Gehorsam“ gegenüber den stattlichen Regelungen, war es eine übertriebene Ängstlichkeit oder das Verantwortungsbewusstsein für die Gesundheit vieler Gottesdienstbesucher? Mir persönlich wären individuelle Regelungen lieber gewesen. Es ist doch ein Unterschied, ob 50 Menschen mit Mundschutz in der Ludwigsburger Stadtkirche singen oder in einer kleinen Kapelle.

Was tun? Man kann zuhause singen, was vielen nicht leicht fällt, zumal die Großfamilien nicht zusammen kommen dürfen.

Wir haben in der Weststadt Ende April das abendliche Singen mit den Nachbarn begonnen. An 60 Abenden haben wir jeweils um 19.00 Uhr mit unseren Nachbarn gesungen: Von den Balkonen und Terrassen, aus den Fenstern und Gärten. Das Schlusslied war immer „Der Mond ist aufgegangen“, davor wurde ein Wunschlied einer der Familien angestimmt. Manchmal war es auch ein Geburtstagslied für eines der Kinder oder den 88jährigen Nachbarn. Begonnen hat unser Singen jeweils mit dem „Corona-Lied“, das auf die Melodie von Rocco Granatas „Marina, Marina, Marina“ zum Ohrwurm wurde.

An den Wochenenden und Festtagen der Advents- und Weihnachtszeit haben wir dieses gemeinsame abendliche Singen wieder aufgegriffen, jetzt natürlich mit vielen Advents- und Weihnachtsliedern. Unter strengen Hygienerichtlinien gab es zwischendurch sogar Glühwein und Weihnachtsbrötchen. Mit dem Dreikönigssegen der Sternsinger-Kinder aus der Nachbarschaft sind wir ins Neue Jahr entlassen worden in der Hoffnung, dass wir am Sonntag Kantate 2021 auch wieder in den Gottesdiensten singen dürfen.

KMD Prof. Siegfried Bauer