LUDWIGSBURG. Als Siegfried Bauer vor über zwanzig Jahren auf der Krim Beethovens Violinkonzert dirigierte, gratulierte ihm danach ein russisch-orthodoxer Mönch und erzählte unter Tränen, er habe sein ganzes Leben lang gefastet und sich kasteit, um eine Gottesoffenbarung zu erhalten. Und heute, beim Larghetto des Violinkonzerts, habe sich endlich der Himmel über ihm geöffnet. Die auf dem Programmzettel des Adventskonzerts in der Stadtkirche abgedruckte Geschichte sagt einiges über die die Wirkung von Musik auf Zuhörer. Aber auch über das Wirken des Ludwigsburger Kirchenmusikdirektors und Professors Siegfried Bauer.

Dieser Abend mit dem Concerto Ludwigsburg in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche war ein ganz besonderes Ereignis. Vor zwölf Jahren hat Siegfried Bauer das Ensemble aus ehemaligen Mitgliedern des von ihm 1983 gegründeten Jugendsinfonieorchesters ins Leben gerufen, das sich jedes Jahr zum gemeinsamen Musizieren hier in ihrer Heimatstadt zusammenfindet. Welches Engagement und welche Begeisterung dabei am Werk sind, spürt man bei den Auftritten des Concerto Ludwigsburg, die zumeist auch einem guten Zweck  dienen, ganz unmittelbar. Auch dass dieses Ensemble unter Bauers Leitung den Heilig-Abend-Gottesdienst in der Stadtkirche mitgestaltet, hat Tradition.

Ein Mammutprogramm in der Stadtkirche

Dass beim Beethoven-Violinkonzert nun mit William Khailo ein junger Geiger begeisterte, der auf der Krim geboren und aufgewachsen ist und von Siegfried Bauer in Jevpatorija entdeckt und daraufhin von ihm schon als zwölfjähriger Solist mit dem von ihm gegründeten Kammerorchester in Ludwigsburgs Partnerstadt gefördert wurde, ist auch ein Verdienst des Ludwigsburger Dirigenten, der während der Leukämieerkrankung des 13-Jährigen und danach den Kontakt aufrecht erhielt – trotz der Städtepartnerschaft-Eiszeit im Gefolge der Krimkrise. Nach vielem Bangen und Hoffen, ob der Moskauer Jungstudent doch noch mit Visum ausreisen konnte (wir berichteten), war er nun da: Mit großem Beifall begrüßt vom Publikum stand er mit Wuschelkopf und dünnem Frack neben Bauer und legte seine Geige ans Kinn, während das Orchester nach den vier leisen Paukenschlägen die Hauptgedanken des Allegro-Kopfsatzes vortrug.

Dann Khailos Einstieg: Sein Aufstieg in Oktavenschritten bis zum Thema in höchsten Lagen, welches er nun in weit gespannten Melodiebögen entwickelt. Ist es ein bisschen Nervosität, oder das begrenzte Volumen seines Instruments, welches seine Kantilenen anfangs noch etwas dünn scheinen lässt – doch bald entwickelt sich seine Dynamik und Energie, blitzsauber, mit Doppelgriffen und virtuosen Läufen gespickt dann die große Kadenz am Ende des 1. Satzes. Sein Dialog mit den beiden Fagotten im Larghetto wirkt beseelt, die lyrischen Passagen im Rondo spielt er mit schönem, schlanken Ton, den tänzerischen Rhythmus des Finales zelebriert er im Einklang mit dem Orchester, mit der Kadenz dieses Schlusssatzes brennt er ein virtuoses Feuerwerk ab. Danach: Standing Ovations für den 17-Jährigen, der am Schluss von seinem Mentor in den Arm genommen wird.

17-jährig war auch Wolfgang Amadé Mozart, als er 1773 in Salzburg seine „kleine“ g-Moll-Sinfonie KV 183 komponierte. „Ich hatte immer mal vor, die beiden g-Moll-Sinfonien Mozarts in einem Konzert gegenüber zu stellen“, verrät Bauer, der an diesem Abend mit allen drei pausenlos aufeinander folgenden Werken ein Mammutprogramm bewältigt. Und sein Concerto – erweitert mit Profi-Bläsern und Mitgliedern des Sinfonieorchesters Ludwigsburg – zieht klangprächtig mit, macht im Allegro „con brio“ zum Auftakt den Sturm und Drang des jugendlichen Feuerkopfes hörbar, die verhangene Schwermut des Andante, die federnde Rhythmik des Menuetto mit dem von den Hörnern, Oboen und Fagotten klangschön intonierten, idyllischen Trio. Und mit derselben Leidenschaft und Lebendigkeit wie im Finale der frühen wird dann zum Schluss Mozarts große g-Moll-Sinfonie KV 550 gestaltet: energisch, gesanglich, tiefgründig, eine großartige Leistung aller Musiker unter dem inspirierenden Dirigat Siegfried Bauers.

aus: LKZ vom 10.12.2019, von Dietholf Zerweck.